04. November 2024
Wir sind am südlichsten Punkt unserer Tour. Und bekommen es zu spüren. Es ist heiß. Sehr heiß. Bis wir durch trockene steinige Felder mit tot aussehenden Arganbäumen nach Taroudant kommen, ist es über 40 Grad in der Sonne. Schattentemperaturen spielen keine Rolle. Es gibt keinen Schatten. Es ist nicht sehr weit heute und es geht nur bergab. Schon früh sind wir in dem Riad, einem typisch marokkanischen Stadthaus mit Innenhof und Dachterrasse. Wir bekommen einen Minztee zur Begrüßung. Dann starten wir zur Stadtbesichtigung. Taroudant ist eine Oasenstadt mit einer kilometerlangen Stadtmauer aus Stampflehm. Mit Türmen, Stadttoren und einer aus Lehm gebauten Medina inmitten einer Kasbah. Die Stadt wird auch als kleine Schwester Marrakeschs bezeichnet. Es gibt u.a. Gerbereien, Souks, viele kleine Handwerker, Arganöl-Kooperativen und viele Obsthändler. Es herrscht ein reges Treiben. Doch nicht so hektisch und laut wie in Marrakesch. Wir besuchen zuerst die Tannerie, die Gerberei. Hier werden Schaf-,Rind- und Dromedarfelle auf traditionelle Art bearbeitet. In Salz-, Alaun- und Ammoniak-Laugen werden sie eingeweicht und dann enthaart. Aus den Fellen werden Taschen, Schuhe, die sogenannten Barbouches, Decken und vieles mehr hergestellt und in den Souks verkauft.
Nicht nur die Tradition spielt in Taroundant eine Rolle, sondern auch die Moderne. Wir kommen an modernen Schulen vorbei inmitten von grünen Oasen. Es gibt eine wichtige Universität für medizinische Berufe. Und ein großes neues Krankenhaus. Vor der Kasbah machen wir eine kleine Pause im Schatten der Mauer. Ein junger Mann spricht uns an. Er möchte gerne sein Englisch anwenden und etwas über die Kultur in Europa erfahren. In 40 Minuten hat er einen Kurs in seiner Schule. Woher wir kommen? Germany. Er will wissen, was wir so essen in Deutschland. Wir überlegen uns ein paar Beispiele. Wie, keine Tajine? Das kann er sich gar nicht vorstellen. Pasta, Spaghetti? Hat er noch nie gegessen. Würde er gerne mal ausprobieren. Ein interessantes Gespräch. Dann muss er zur Schule.
Wir gehen durch die Medina zurück zu unserem Riad. Wir schwitzen und freuen uns über eine Abkühlung. Im Innenhof gibt es einen Pool. Das Wasser ist kalt. Es tut sooo gut. Am großen Platz essen wir, was könnte es anderes sein, Tajine. Und beobachten fliegende Händler. Im Café verkaufen sie an Gäste gebrauchte Sportschuhe, warme Djellabas, Umhänge mit spitz zulaufender Kapuze, Wollpullis… mit Erfolg. Und das bei der Hitze.
90 km bei 45 Grad
05. November 2024
Heute wird es anstrengend. Extreme Hitze zeigt die Vorhersage an. Und wir fahren heute eine lange Strecke. 90 km bis in die Nähe des Nationalparks Souss-Massa. Dort wollen wir morgen noch hin. Ein Umweg auf dem Weg nach Agadir. Mit Rückenwind kommen wir auf der Hauptstraße gut voran. Gut so. Sabines Tacho zeigt mittlerweile 45 Grad an. Die Strecke ist kein Highlight. Es gibt keine andere. Die Landschaft ist steinig, wüstenähnlich. Die Temperaturen sind wie in der Sahara. Und dann denken wir zuerst an eine Fata Morgana. Aber es ist real. Ungefähr 100 Dromedare werden in Richtung Straße getrieben. Dann verursachen sie einen kurzen Stau bis alle drüber sind. Sind wir denn wirklich schon in der Wüste? Ein freundlicher Autofahrer hat Mitleid mit uns. Er hält vor uns an und bietet uns zwei Flaschen Wasser an. Alle Menschen sind so begeistert und nett zu uns Radfahrern. Das wird uns zuhause auf jeden Fall fehlen.
An unserem Ziel sind wir froh, es geschafft zu haben. Wir gehen nicht mehr aus dem Haus. Heute wohnen wir in einer Wohnung zusammen mit einer marokkanischen Familie. Nur die Tochter versteht uns. Die Eltern sprechen nur Arabisch. Mit Zeichensprache verständigen wir uns. Sie sind sehr gastfreundlich, bieten uns Tee an und kochen uns ein Abendessen. Heute ist für sie ein besonderer Abend. Vor einem Nationalfeiertag, dem Green March Day. Am 6. November 1975 organisierte der Staat im Rahmen des Westsaharakonflikts einen Marsch von 350 000 unbewaffneten Menschen von Südmarokko in die damalige Kolonie Spanisch-Sahara. Spanien sollte seine Kolonie an Marokko übergeben. Die Marokkaner sind stolz auf diesen Tag. Überall hängen die Landesflaggen. Unsere Gastgeber feiern den Abend zuvor mit Familie und Freunden.
Nationalpark Souss-Massa
06. November 2024
Der 35 km lange Nationalpark an der Atlantikküste im Südwesten Marokkos erstreckt sich zwischen den Mündungen zweier Flüsse: dem Qued Souss und dem Qued Massa. Leider sind die beiden breiten Flussbetten völlig ausgetrocknet. Zuviel Wasser wird für die Landwirtschaft benötigt. Hier in einer wüstenhaften Region werden Tomaten, Bananen, Mandarinen und Kürbisse angebaut. Es gibt unzählige Gewächshäuser. Mittlerweile stehen die marokkanischen Tomaten in Konkurrenz zu den spanischen. Die Landschaft leidet darunter. An den Arganbäumen ist kaum ein grünes Blatt und keine Frucht. Einen gesunden Arganbaum zeigt uns der Guide im Nationalpark. Er hat viele grüne Früchte, die wie eine Mischung aus Mandeln und Eicheln aussehen. Wir fahren mit den Rädern zum Eingang des Parks. Schade, dass wir die 15 km lange Besichtigungsfahrt nicht machen dürfen. Nur mit dem Auto und nur mit Guide.
Na, dann halt die drei Kilometer lange Alternative zu Fuß. Auch mit Guide. Bei über 40 Grad. Der junge Mann stöhnt über die Hitze. Doch er gibt sich viel Mühe. Er erklärt uns die Flora und Fauna auf unserem Rundweg. Es gibt verschiedene Gazellen und Antilopen. Sie waren hier ursprünglich zuhause und wurden zum Erhalt der Art wieder angesiedelt. Ebenso Strauße. Der rote Hals der männlichen Vögel zeigt an, dass sie paarungsbereit sind. Sie sind es monatelang. Und sie stecken nicht den Kopf in den Sand, so der Guide. Sie legen ihn auf den Sand. So hören sie kilometerweit andere Strauße oder auch Wasserquellen. Wir lernen einiges auf unserem Spaziergang.
Dann fahren wir zum Meer. Nach vier Wochen sehen wir den Atlantik wieder. Ein Meer hinter einer Wüste. Wir freuen uns auf eine Abkühlung. Doch was ist das? Die Klippen am Strand werden als Müll- und Schutthalden benutzt. Kein Quadratmeter ist ohne. Es sieht schlimm aus. Eigentlich sollte hier auch noch der Nationalpark sein. An den Strandabschnitten sind viele Jungs im Wasser. Angler stehen auf den Felsen. Keine Frauen. An einem kleinen Strand sehen wir Mädchen und Frauen im Meer. Die Frauen mit Hidschāb und langem Gewand. Eine sogar mit Nikap, einem Gesichtsschleier, der nur die Augen frei lässt. Am Strand sitzen sie in Zelten. Nur die kleinen Mädchen dürfen noch mit Badeanzug bekleidet im Wasser spielen.
Wir schieben die Räder zu dem Strand. Wir ziehen alle Blicke auf uns, als wir mit einem Handtuch bedeckt, unsere Badekleidung anziehen. Mit Bikini geht hier keine Frau baden. Egal, Sabine genießt die Abkühlung in den Wellen. Danach Klaus. Ein Marokkaner bietet uns an, auf unsere Sachen aufzupassen. Dann könnten wir zusammen baden. Am Strand unterhalten wir uns über die patriarchalische Gesellschaft in Marokko. Hier ist sie offensichtlich. Überall nur Männer. Sie dürfen alles. Die Frauen haben höchstens im Haus was zu sagen. Wir wünschen den kleinen Mädchen, dass sie ihre Freiheit noch lange ausleben dürfen.


























