Hardangervidda 2026

Wir sind schon mitten im Sommer. Wir sind euch aber noch eine vergangene frostige Tour schuldig. Hier unsere Erlebnisse vom April in Norwegen.

Schwierige Planung

Eine sehr interessante Tour hat Klaus geplant: Von Rjukan im Süden der Hardangervidda immer Richtung Norden. Mit Übernachtungen in Hütten, in denen wir vor 15 Jahren schon einmal waren. Alles ist gebucht. Die komplette Anfahrt mit RE, ICE und Nachtzug bis Kiel und der Fähre nach Oslo. Von Oslo mit dem Bus nach Rjukan. Es fehlt nur noch die Bergbahn von Rjukan rauf auf das Fjell. Hier aber scheitert die Planung. Auf der Homepage der Seilbahngesellschaft entdeckt Klaus einen versteckten Hinweis: die Bergbahn fährt erst wieder im Jahr 2028. So ein Mist. Sie wurde extra gebaut, damit die Bevölkerung im dunklen Tal auf die Höhe fahren kann, um besonders im Winter mal Sonne zu tanken. Nun haben die RjukanerInnen keine Sonne und wir keinen Start. Zum Hochlaufen bräuchten wir fast einen ganzen Tag. Also umplanen. Das erste Mal. Weitere Umplanungen folgen. Den Bus können wir stornieren. Aber wie kommen wir hoch in die Hardangervidda? Klaus findet eine Alternative. Etwas weiter nördlich gibt es eine Fjellstue, eine bewirtschaftete Hütte, mit Abholservice an der Bushaltestelle. Wir buchen die ersten beiden Unterkünfte. In der Hoffnung, dass unsere Anreise mit Bahn, Schiff und Bus auch funktioniert. Fliegen wollen wir diesmal nicht. Aus Umweltschutzgründen, nicht weil es preiswerter ist. Die Anfahrt ist sogar etwas teurer.

Eine Woche vor Abreise kontrolliert Klaus die geplanten Routen. Auf der Homepage des norwegischen Wandervereins DNT sind alle gekvisterten Routen, also mit Stöcken markierten Strecken, auf einer Karte mit Hinweisen versehen. Oh Schreck! Fast die komplette Hardangervidda ist im gesamten Winter gesperrt. Die Landeigner erlauben keinen Zutritt. Begründung: zum Schutz der einzigen noch wild lebenden Rentiere in Norwegen. Die Wege dürfen nicht gekvistert werden und die Hütten sind verschlossen. Also wieder umplanen. Das zweite Mal. Klaus sitzt stundenlang am PC und findet schließlich eine Lösung. Wir können mit dem neu gebuchten Bus einfach weiter nach Norden fahren. Fast bis zur Skistadt Geilo. In Kikut gibt es, nur 1,5 Kilometer von der Bushaltestelle entfernt, eine Fjellstue. Dort können wir starten. Wir planen, am nicht gesperrten Nordrand der Hardangervidda bis nach Finse zu laufen und von dort nach Skarvheimen. Die dritte Planung steht. Wir buchen die neue Hütte und stornieren die beiden anderen. Wir können los.

Die notwendigen Umplanungen (Die roten Punkte sind die Hütten, die blauen Linien die in der Regel markierten Winterrouten, braun die wenigen Straßen)
Unser gravierendster Umplanungsgrund: Dreiviertel der Hardangervidda sind gesperrt.
Ein Beispiel einer Planungsvarianten

4. bis 6. April 2026
Die lange Anfahrt

Klaus‘ Schwester Marion fährt uns um 20 Uhr zum Bahnhof. Bis Koblenz fahren wir Regionalbahn. Der Zug ist voll. Es ist Osterwochenende. In Koblenz erfahren wir, was Bahn fahren so wenig attraktiv macht. Nicht nur die Verspätungen von bis zu 60% aller Züge, auch die fehlende Infrastruktur an den Bahnhöfen. Zwei Stunden warten wir in einer kalten, schmutzigen Bahnhofshalle auf unseren Nachtzug. Wir ergattern die letzten beiden (von insgesamt zwölf) Sitzplätze auf unbequemen Gitterrosten. Endlich ist es ein Uhr nachts. Wir steigen in den ICE nach Hamburg. In der ersten Klasse haben wir genügend Platz und ruhig ist es auch. Doch bei 14 Stopps im Ruhrgebiet ist eine längere Schlafeinheit nicht möglich. Auch am riesigen Hamburger Hauptbahnhof sind keine Sitzgelegenheiten für müde Reisende vorhanden.

Mit der Regionalbahn fahren wir nach Kiel. Dort tobt ein Sturm. Im gesamten Norden. Auch in Norwegen. Gut, dass wir mit der Fähre noch eine Zeitlang unterwegs sind. Länger als geplant. Die Fähre hat Verspätung wegen des Sturms und einem  technischen Problem. Zwei Stunden später checken wir ein. Wir schlafen in unserer Kabine sofort ein. Eineinhalb Stunden später sind wir immer noch im Hafen. Dann legt das Schiff endlich ab. Es hat eine luxuriöse Ausstattung wie ein Kreuzfahrtschiff. Passagiere nutzen sie zu einer Minikreuzfahrt mit einem kurzen Oslo Trip mit Stadtrundfahrt und am gleichen Tag wieder zurück. Sie genießen Buffet, Kneipen, Shopping, Theater, Kino und Spa während der Überfahrt. In der Nacht werden die Wellen immer höher. Die riesige Fähre schaukelt hin und her. In unserer Kabine knarrt das Blech. Gut, dass wir in der Horizontalen liegen.

In Oslo ist von dem Sturm nichts mehr zu spüren. Es ist sonnig und frühlingshaft warm. Die letzte Etappe wartet. Eine lange Busfahrt und die letzten 1,5 Stunden zur Hütte in Kikut zu Fuß. Nach 47,5 Stunden kommen wir endlich an. Wir verbringen einen netten Abend mit zwei Franzosen, zwei Neuseeländern und einer weit gereisten Norwegerin. Wir freuen uns auf unsere Tour. Schönes Wetter ist in Aussicht. Doch dann weist uns die Norwegerin darauf hin, dass in den nächsten beiden Hütten den Norovirus gibt. Skiläufer wurden in eine Klinik eingeliefert. Wieder umplanen? Zum vierten Mal? Hört das gar nicht auf? Doch wir bekommen Entwarnung. Die Norwegerin ruft spontan für uns in der Hütte an. Es gibt keinen Virus mehr. Der Tour steht morgen nichts im Weg.

Nach unserer Nachtzugfahrt werden wir in Kiel österlich empfangen
Mit der Fähre geht es weiter
Mit den Ski in der Kabine
Luxusfähre mit Kreuzfahrtflair
Die Sonne empfängt uns in Oslo
Wir warten auf unseren Überlandbus Richtung Geilo
Nach zwei Kilometern durch den Schnee erreichen wir unseren Ausgangspunkt: Die Berghütte Hakkesetstølen Fjellstugu.
Unser Blick von der Hütte in der Abendsonne

7. April 2026
Die Weite der Hardangervidda

Zum ersten Mal laufen wir in Norwegen über frisch gespurte Loipen. Viele Langläufer im Skating oder klassischen Stil sind unterwegs. Niemand außer uns mit Tourenski. Wir sind in einem riesigen Langlaufgebiet oberhalb der Ski-Metropole Geilo. Wohlhabende Norweger besitzen hier Ferienhäuser. Um sich fit zu halten, machen sie Langlauf, oder norwegisch Langrenn. Alle haben bei dem schönen Wetter ein Ziel: Tuva. Eine privat geführte Hütte mitten im Fjell. Die einzige Möglichkeit, sich mit Kaffee und Waffeln zu stärken. Mit den Skatingski sind sie am Abend wieder zurück in Kikut. Wir bleiben und beziehen in der uralten historischen Hütte ein uriges Zimmer. Eine warme Dusche gibt es in einem Nebengebäude. Und zur Toilette müssen wir ebenfalls durch den Schnee. Zum Abendessen bekommen wir Hirschgulasch, Gemüse und Reis. Danach ist Erzählstunde.

Die Hüttenwirtin Mailiza betreibt Tuva in der vierten Generation. Wir versammeln und mit den anderen Gästen im gemütlichen Kaminzimmer. Mailiza erzählt uns die Geschichte der Hütte und ihrer Vorfahren. Von ihrem schweren Leben in Armut, der ständigen Bedrohung von umherreisenden Räubern und Mördern, ihrem Kampf gegen die Widrigkeiten der Natur und ihrer Leidenschaft für dieses immer weiter gewachsene historische Gebäude. Sie teilt diese Leidenschaft und gibt sie an ihre Gäste weiter. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. Später spricht Sabine sie auf die Sperrung der Hardangervidda an. Mailiza erklärt uns die verschiedenen konträren Interessen. Da gibt es zum einen die Landeigner, unzählige Bauern, die alle ein Stück der Hardangervidda besitzen. Sie verweigern den Zutritt. So ganz einig sind sie sich aber nicht. Ihr Hauptargument ist der Schutz der wilden Rentiere. Zum zweiten gibt es die Wanderer, vertreten durch den DNT, die gerne Wege markieren und ihre Hütten öffnen würden. Eine weitere Rolle spielen Naturschutzverbände, die Jäger und auch der Staat. Fakt ist, dass die Rentiere, wenn sie in Ruhe gelassen werden, sich weiter ausbreiten, mehr Nahrung finden und mehr Nachwuchs bekommen. Der Rentierbestand wird sich um 500-1000 Tiere vergrößern. Das bedeutet aber nicht, dass es in Zukunft größere Herden gibt. Denn zwei Interessenverbände sind sich scheinbar einig: Naturschützer und Jäger. Sie sitzen auch im gleichen Verwaltungsgebäude. Die Naturschützer wollen den Bestand regulieren und die Jäger möglichst viele Jagdlizenzen verkaufen. Es ist wie überall auf der Welt: am Ende geht es nur ums Geld.

Wir starten bei schönstem Sonnenschein…
Hier noch sehr komfortabel: Mit Wegweisern und…
… frisch gespurten Loipen…
… und erleben unmittelbar in die einzigartige Hardangervidda.
Perfekt!
Sabine freut sich…
… Klaus freut sich!
Und die Natur wird immer faszinierender…
… bis wir unsere erste Hütte Tuva erreichen.
Nettes kleines Zimmer…
… und ein gemütlicher Aufenthaltsraum.
Es bleibt noch Zeit für eine Nachmittagstour ohne Gepäck.
Herrliche Abfahrten im unendlichen Weiß!
Ohne Gepäck geht’s mal sportlicher.
Was für eine Rundumblick, was für ein Paorama!

8. April 2026
Nach Krækkja

Auf dem Weg nach Krækkja genießen wir anfangs noch gut gespurte Loipen. Und Sonnenschein. Die Hardangervidda strahlt in reinstem Weiß. Ihre Weite scheint unendlich. Wir kommen gut voran. Bis zur einzigen Straße, die im Winter quer durch das Fjell bis zu einem Fjord. Dort endet die Loipe. Wir finden eine Hundeschlittenspur, der wir über einen zugefrorenen See folgen. Dann wird es schwieriger. Unsere weitere Spur verläuft schräg am Hang entlang. Sie ist stellenweise vereist. Wir stapfen über Verwehungen. Die Sonne verschwindet hinter Wolken. Nach 21 km sind wir am Ziel. Der Hüttenwirt bietet uns den Queens-Room an. Hier hat vor Jahren die dänische Königin übernachtet. Eine Fotografie von ihr schmückt noch den karg eingerichteten Raum: zwei Betten, zwei Holzhocker und ein kleiner Tisch. Damit war auch Königin Margrethe zufrieden. Die Hütte ist neu renoviert. Und der Hüttenwirt ist neu. Bei unserem ersten Besuch hatte uns noch sein über 80-jähriger Vater willkommen geheißen. Nun gab es auch hier einen Generationenwechsel.

Krækkja ist heute gut besucht. Kein Wunder, wenn viele Hütten geschlossen sind. Auch die acht Franzosen, die wir gestern schon in Tuva kennengelernt hatten, kommen später an. Sie ziehen ihr Gepäck auf einfachen Pulkas hinterher. Wir bevorzugen unsere Rucksäcke. Das ist wohl schwerer, aber beim Bergabfahren einfacher. Beim Abendessen erzählen sie uns, dass sie alle Lehrer sind und aus Clermont-Ferrant kommen. Direkt in der Nähe des Puy-de-Dome. Doch Schnee ist dort seit Jahren rar. So zieht es sie nach Norwegen. Sie sind Sportfreunde und verlassen sich voll auf ihren Guide. Er ist der Einzige, der schon Erfahrung im norwegischen Fjell hat. Sie fragen uns, ob unsere Freunde von zuhause uns nicht begleiten wollen. Aber uns fällt außer unserer Tochter Sarah keiner ein. Und die ist parallel als Ultracyclistin in Spanien bei einem Rennen. Auf unserer ersten Wintertour hat sie uns als Zwölfjährige begleitet. Seitdem machen wir unsere Touren in trauter Zweisamkeit. In kritischen Situationen oder auch bei Umplanungen waren wir uns immer schnell einig. In einer größeren Gruppe wäre das sicher oft schwierig.

Kurz nach dem heutigen Start blicken wir auf Tuva zurück.
Auch ohne GPS kann man sich kaum verlaufen.
Mit den ersten Wolken…
… wird es immer spektakulärer.
Die Loipen enden. Wir folgen den Schlittenhunden-Spuren…
… bis zur nächsten Hütte Krækkja.
Wir übernachten im Queens-Room. Die dänische Königin Margrethe war einmal hier.

9. April 2026
Zur höchsten Bahnstation Norwegens

Wir folgen den Kvister nach Finse. Es geht 24 km fast nur bergauf. Mit unseren Skins, unseren Steigfellen, kein Problem. Das Wetter ist schlechter. Es fängt an zu schneien. Wir wechseln die Jacken und hüllen unsere Rucksäcke ein. Die Landschaft ist unbeschreiblich schön. Aus der weiten Hochebene ragen schroffe schwarze Felsen hervor. Ausläufer des Hardangejøkulen, einem 1.800m hohen Massiv mit einem riesigen Gletscher. Einmal hatten wir es vor Jahren -bei idealen Bedingungen- geschafft, auf seinen Gipfel zu steigen. Ein besonderes Erlebnis, das ewig in Erinnerung bleibt. Heute ist ein Aufstieg nicht zu empfehlen. Wind kommt auf. Und wird immer stärker. An unserem höchsten Punkt sind es fast schon Orkanböen. Klaus lässt beim Fotografieren seinen leichten Überziehhandschuh fallen. Weg ist er. Der Wind fegt ihn über den Schnee. Klaus will hinterher. Doch vergebens. Der Handschuh ist schneller. Die Abfahrt nach Finse ist heute schwierig. Sturmböen, Eis, Verwehungen, wenig Sicht wegen fehlender Kontraste. Wir rutschen vorsichtig den Berg hinab. Laufen lassen geht nicht. Schade. Aber so war fast jede unserer zahlreichen Ankünfte in Finse. Außer dem Gipfeltag vor Jahren. Damals konnten wir 15 km bergab einfach laufen lassen. Grandios. Gut, dass wir die Fjellstue in Finse gestern vorgebracht hatten. Sie ist mit der Bahn erreichbar. Der Bahnhof liegt auf 1.222m Höhe, der höchste Punkt der Strecke Oslo-Bergen. Viele Skitourer starten hier. Besonders jetzt am Wochenende.

Die Finsehytta ist voll. Viele Norweger und Touristen von überall aus Europa. An unserem Tisch beim Abendessen sitzt ein französisches Paar aus Font-Romeu, Ellen und Henri. Wir unterhalten uns erneut auf Französisch. Henri erzählt uns, dass er der erste Trainer der Biathlonbrüder Martin und Simon Fourcade war. Und bis heute ein guter Freund der Familie Fourcade. Auf einem Zettel gibt er uns seine Adresse und Mobilnummer, falls wir mal in den Pyrenäen Rad fahren. Wir sind dann herzlich eingeladen. Nach dem Abendessen checken wir den Wetterbericht. Sturmböen mit bis zu 100km/h werden vorhergesagt. So ein Ärger. Schon wieder eine Planänderung. Die fünfte? Aber bei Sturm ist es unmöglich über eine exponierte Route auf 1.600m Höhe zu laufen. Bergauf zu anstrengend und bergab zu schwierig. Und überdies zu gefährlich bei mangelnder Sicht. Darüberhinaus sind auch alle Schlafplätze in den nächsten beiden Hütten in Skarvheimen belegt. Noch ein Grund, nicht weiterzugehen. In Finse können wir auch nicht bleiben. Auch hier gibt es am Wochenende kein freies Bett mehr. Wir planen also um: die einzige Alternative ist, mit dem Zug nach Geilo zu fahren und im Hotel zu übernachten. Dann sehen wir weiter.

Bei Schneefall präparieren wir unsere Ski mit Fellen für lange und steile Anstiege.
Die Markierungen, die Kvister, sind geradeso zu erkennen.
Manchmal reißt der Himmel auf…
… und gibt den Blick auf den Hardangerjøkulen frei.
Im hier nicht zu erkennenden Sturm…
… erreichen wir den höchsten Bahnhof Nordeuropas Finse (oben rechts vor der Bergkette Hallingskarvet, auf 1.222 m)

10. April 2026
Geilo

Wir kämpfen uns die 500m über den See von der Hütte bis zum Bahnhof. Voll gegen den Wind. Um 11 Uhr sollte unser Zug abfahren. Doch er ist defekt. Er steht noch in Bergen. Von der Deutschen Bahn kennen wir das. Aber von der norwegischen? Wir warten dreieinhalb Stunden. Glücklicherweise in einem schönen warmen Warteraum. Die Fahrt nach Geilo lohnt sich. Es ist ein bekannter Skiort und liegt tiefer als Finse. Die Sonne scheint und es weht kaum Wind. Von unserem Hotel aus ist es nicht weit zu einer schönen Loipe rund um einen großen See. Wir genießen unsere große Klassikrunde ohne Gepäck. So können wir heute doch noch langlaufen. Und morgen steigen wir wieder auf ins Fjell.

Die Finsehytta vor dem Hardangerjøkulen.
Ein weiterer Blick auf den hohen Gletscher jenseits des Finsevatnet.
Am Bahnhof kommen die Schneeräumer von ihrem Einsatz zurück.
Mit drei Stunden Verspätung kommt die Bergensbanen.
Dem Sturm entkommen genießen wir die Sonne in Geilo.
Das sieht nach der richtigen Entscheidung für die notwendige Umplanung aus!

11. April 2026
Zurück nach Tuva

Mit der Bahn fahren wir wieder eine Station bergauf. Nach 10 min sind wir an unserem heutigen Start. Wir haben in Tuva eine Übernachtung gebucht. Dort waren wir schon vor vier Tagen, aber sonst gibt es keine Tourmöglichkeit. Wir gehen jedoch eine andere Strecke. Sie ist auch im Wind machbar. Im Neuschnee laufen wir über einen Stausee. Dann geht es kilometerweit nur bergauf. Oben ist gespurt. Doch es wird windiger. Heftige Böen erwischen uns von der Seite. Die Spur verweht. Es ist eiskalt. Beim Fotografieren frieren uns die Finger ein. Der Schnee fegt über den Boden. Das Licht ist gedämpft durch den hochgewirbelten Schnee. Die Landschaft wirkt surreal. Die Sonne schickt einzelne Lichtspots auf den Schnee.

Wir fahren ab zur Hütte. Doch was ist das? Mindestens 50 Paar Ski stehen am Skiständer. Und in der Hütte stehen Langläufer vor der Theke Schlange. Tagesgäste stärken sich mit Kaffee und Waffeln. Bevor sie sich wieder auf den Rückweg gegen den Wind begeben. Laut Hüttenchronik war die längste „Waffelschlange“ über 30 m lang. An Ostern vor ein paar Jahren. Mailiza freut sich, dass wir wieder da sind. Und wir beziehen das gleiche gemütliche Zimmer wie beim letzten Mal. Einziger Unterschied: die Hütte ist voll. Und: es gibt keine Erzählstunde. Aber die Geschichte kennen wir ja schon.

Von Ustaoset geht’s…
… sechs Kilometer über den See, über den riesigen Ustevatnet
… erneut nach Tuva. Viele Alternativen bleiben nicht!
Auf der Höhe holen uns die Ausläufer des Sturms ein.
Ziemlich stürmisch…
… der Schnee fegt über das Fjell.
Einsam durch die Hardangervidda…
… bis Tuva. In der Hütte drängeln sich die Skiläufer vor der Theke mit warmen Waffeln.

12. April 2026
Einsame Tour nach Haugastøl

Es schneit schon wieder und der Wind weht heftig. Doch wir haben den Wind im Rücken. Unsere Planung geht auf. Über das unbewaldete Fjell laufen wir in Richtung Norden. Die Sicht ist einigermaßen gut. Wir sehen nur Weiß. Unendliches Weiß. Keine Schattierungen. Nur monochromes Weiß. Surreal, aber wunderschön. Keine Ablenkung von unserer Spur. Oder nicht vorhandener Spur. Wir gehen von Kvister zu Kvister. Plötzlich sehen wir keine mehr. Wir sind in einer Senke. Ringsum sind Hügel, doch keine gesteckten Stäbe. Mist. Wir hatten diese Tour nicht schon zuhause geplant. Klaus hat keine gespeicherten GPS-Daten. Wir steigen einfach weiter geradeaus nach oben. In der Ferne sehen wir dann wieder Kvister. Gut so, denn nun beginnt die Abfahrt nach Haugastøl. Vor Tagen war sie noch gespurt. Trotz Neuschnee können wir sie noch erkennen. Es ist einfacher mit den Langlaufski auf der alten Spur ins Tal abzufahren als in holprigem Tiefschnee.

Unten angekommen, wandern wir über einen Stausee. Im Winter hat er wenig Wasser. Wasser. An den Rändern türmen sich Eisberge auf. Wir sind gut in der Zeit und erreichen den Bahnhof Haugastøl viel zu früh. Auch hier gibt es wie überall in Norwegen einen gemütlichen Aufenthaltsraum. Doch heute ist Sonntag. Die Wochenendskiläufer beenden ihre Tour und müssen nach Hause. Der Warteraum ist überfüllt. Alle Sitzbänke sind belegt. Nur auf dem Boden finden wir noch zwei Sitzplätze zwischen all den Rucksäcken. Heute kommt die Bergensbanen pünktlich. Zwei Stationen später steigen wir schon aus. Wieder in Geilo und wir übernachten wieder im gleichen Hotel wie zwei Tage vorher. Wir haben sogar noch einen Tag länger gebucht. Hotelurlaub in Norwegen hatten wir eigentlich nicht geplant. Doch aufgrund Umplanung Nr.5 hatten wir uns am Samstag dazu entschieden.

Alles weiß! Nur die Kvister geben Orientierung.
Ein Wegweiser zeigt uns die richtige Richtung.
Nach einer steilen Abfahrt…
… erreichen wir den See,…
… den wir nur am Rand queren können,
… weil riesige Eisverwerfungen den Weg versperren.
Am Bahnhof Haugastøl warten alle Wochenendläufer auf den Zug.

13. April 2026
Letzter Skitag

Unsere heutige Planung war folgende: eine Tagestour übers Fjell am Fuße des Hallingskarvet. Das ist ein gigantisches Felsmassiv. Nördlich des Tales zwischen Geilo und Finse. Die Loipen beginnen jedoch 300 Höhenmeter oberhalb. Es führt keine Spur hoch. Aber es gibt Bergbahnen ins Skigebiet. Die Talstation ist nicht weit vom Hotel entfernt. Doch warum stehen morgens um 10 Uhr alle Sessel still? Gestern liefen sie noch. Ein Snowmobilfahrer klärt uns auf, es ist Saisonende. Und über die Piste dürfen wir auch nicht hochlaufen. Wir sollten ins andere Skigebiet gegenüber. Richtung Kikut. Dort wo unsere diesjährige Tour begann. Alle Lifte, Pisten und Loipen sind dort noch offen. Wir sind mittlerweile Umplanungen gewohnt. Es ist ja erst die Nr.6. Was soll’s.

Also auf nach Kikut ins Loipengebiet. Nicht mit dem Sessellift, sondern mit Muskelkraft per Ski. Die 300 Höhenmeter Aufstieg sind frisch gespurt. Sogar ohne Steigfelle kommen wir gut bergauf. Oben erwarten uns Loipen, die jedes Langläuferherz höher schlagen lassen. Nur schade, dass wir unsere Skatingski nicht kurz hierher beamen können. Sabines neue Rennski stehen noch unbenutzt zuhause im Keller. So laufen wir halt klassisch mit unseren Fjellski. Wir treffen jugendliche Biathleten. In Geilo gibt es eine Sportschule, die die Elite in vielen Wintersportarten ausbildet. In der Hall of Frame gibt es berühmte Sportler wie Ole Einar Bjørndalen und Vettle Sjastad Christiansen. Legenden im Biathlon. Und viele Alpinskifahrer. Es gibt tolle Trainingsbedingungen. Wir sind begeistert von unserer Tour mit Aussicht auf Geilo und den Hallingskarvet. In der Sonne wird es richtig warm. Schade, dass die Talabfahrt dadurch etwas sulzig und langsam wird. Dadurch können wir auch auf den steilsten Abschnitten einfach laufen lassen. Unsere Alternative zur geplanten Tour war echt toll.

Am nächsten Morgen müssen wir von einer geplanten Nordrunde…
… in das südliche Fjell ausweichen. Umplanung Nr. 6!
Nach einem langen Anstieg…
… bis zu den herrlichen Loipen rund um Kikut
… haben wir nur noch Spaß, mit Paoramablick.
Ungewöhnliche Perspektiven!
Wie idiotisch sieht das aus🤪!
Belohnung für die vielen Höhenmeter.
Die lange Talabfahrt…
… zurück nach Geilo.

14. April 2026
Zurück in den Sturm

Unsere letzte Übernachtung in Finse hatten wir schon zu Hause gebucht. Dort sollte das Ende unserer Tour sein. Doch nach sechs Umplanungen ist alles anders. Trotzdem fahren wir mit der Bahn zurück. Auch die Zugfahrt nach Oslo ist ab Finse gebucht. Viel Langlaufen können wir nicht. Wie könnte es anders sein? Hier oben ist wieder Sturm. Mit Mühe kämpfen wir uns gegen den Wind bis zur Hütte auf der Halbinsel im zugefrorenen See. Nach dem halben Kilometer sind wir vollkommen vereist. Also verbringen wir den Nachmittag lieber drinnen. Mit Tagebuch schreiben, lesen und Sabine mit Stricken, wie die meisten Norwegerinnen. Viele schleppen ihr Strickzeug im Rucksack mit. Nicht nur Ultra-Light-Wolle wie Sabine , sondern richtig dicke Schafwolle. Für traditionelle Norwegerpullis.

Einfach zur Ruhe kommen oder neusprachlich chillen, gehört zu einem Aufenthalt hier oben im verschneiten Fjell einfach dazu. Wer mehr Action möchte, kann sich die Zeit mit einem der unzähligen Gesellschaftsspiele vertreiben. Nach draußen sehen wir nicht. Die Fenster sind alle zugeschneit. Wir sind nicht die einzigen, die nicht mehr in den Sturm raus wollen. Sue, eine Irin aus Connemara, bedauert das sehr. Ihr Mann, ein gebürtiger Norweger, und sie haben nur zwei Tage zum Ski laufen geplant. Ein Tag ist schon vorüber. Und in Irland fällt kein Schnee. Sie hoffen auf morgen.

Zurück nach Finse!
Wie sollte es anders sein? Im Sturm!

15. April 2026
Sabines Geburtstag

Sabine hat Geburtstag. Sie hat nun ein Alter erreicht, mit dem sie mit einigen Abzügen vorzeitig in Pension gehen kann. Klaus schenkt ihr eine Bilderstory mit seinen typischen Comics dazu. Im Sommer hat sie ihren letzten Schultag. Doch nächsten Montag ist wieder Arbeit angesagt. Deshalb machen wir uns heute auf den ersten Abschnitt unserer langen Heimreise mit Bahn und Fähre. Es geht mit der Bergensbanen nach Oslo. Vom Hotel am Bahnhof sind wir schnell in der City. Oslo ist immer wieder einen Besuch wert. Es ist spannend, wie sich die Stadt seit unserem ersten Besuch vor 20 Jahren entwickelt hat. Wo früher brachliegendes Hafengelände war, gibt es heute moderne Wohnhäuser mit Promenaden, Restaurants und vielfältige Aktivitätsmöglichkeiten wie Saunen, Kajakverleih, sogar ein Meerwasserfreibad im Fjord. Jede unschöne Baulücke wird durch moderne Architektur ersetzt.

Oslo soll die in Europa am schnellsten wachsende Stadt ist. Wohnraum ist dringend nötig. Die High-Tech-Architektur am Fjord ist jedoch eher für die High-Society. Es gibt auch andere Stadtviertel. Zum Beispiel Grünerløkka. Hier leben überwiegend Migranten, die vor Jahren von Norwegen regelrecht angeworben wurden. Die angestrebte Quote von 33% ist heute erfüllt. Wir laufen durch ein Viertel, das auch im Libanon sein könnte, oder in Syrien, oder Eritrea oder… Es gibt viele Restaurants und Läden aus fernen Ländern. Und auf der Straße treffen wir nur wenige Norweger. Multi-Kulti. In Deutschlands Städten vielerorts ein Problem. Und in Norwegen? Der Wanderverein DNT hat sich z.B. bemüht, die Migranten zu integrieren und ihnen die Tradition des Outdoorlebens, Friluftsliv, näher gebracht. Doch wie in Deutschland ist in den Städten ebenfalls eine Parallelgesellschaft gewachsen. Wir nutzen die Angebote in Grünerløkka und essen libanesisch. Norwegisches Essen mit viel Fleisch hatten wir in den Hütten genug.

Hier warteten wir doch schon einmal!
Im Zug zurück nach Oslo…
… überreicht Klaus Sabine seine Geburtstagsgrüße.
Ein Rückblick auf das letzte Schuljahr…
… ein Ausblick auf den Einstieg in den Ruhestand…
… und was uns und damit auch euch alles erwarten wird😀.
Rundgang in Oslo: Domkirke
Operahuset Oslo
Munch Museum
Middelalderparken

16. April 2026
Die siebte Umplanung

Nach dem Frühstück und einem kurzen Stadtbummel fahren wir mit dem Bus zur Fähre. Wiederum klappt nicht alles wie es sollte. Klaus bekommt eine Nachricht der Deutschen Bahn: unser ICE sollte heute planmäßig ab Hamburg abfahren. Heute? Wir sind noch in Oslo. Und haben noch eine 20-stündige Fährfahrt vor uns. Und dann noch mit der Bahn von Kiel nach Hamburg. Wir sind erst morgen in Hamburg. Klaus hat einen Buchungsfehler gemacht. Er hat statt den 17.04 den Zug am 16.04. gebucht. Wir müssen zum siebten Mal umplanen. Diesmal ist der Grund nicht Sturm, Rentiere oder eine überfüllte Hütte, sondern unser eigener Fehler. Wir buchen neu und unsere Erste-Klasse-Plätze bleiben heute unbesetzt. Das günstigste Angebot ist ein Nachtzug bis Mannheim. Wir sind dann leider nicht schon morgen, sondern erst am Samstagmorgen zu Hause. Wir sind ja flexibel. Auch wenn es wehtut. Nicht das erste Mal auf dieser Reise.

Das Meer ist heute ruhig, nicht so bewegt wie auf unserer Hinfahrt. Wir schauen aus unserem großen Bullauge aus der Kabine auf die Schären im Oslofjord. Überall stehen bunte Holzhäuser, teilweise nur vom Wasser erreichbar. Dann sind die Schären unbewohnt und irgendwann sind wir mitten in der Ostsee.

Morgens geht die Stadttour durch Oslo weiter: Karl Johans Gate mit Blick auf das königliche Schloss Det kongelige slott!
Nobels Fredssenter
Die Fähre startet mittags…
… durch den Oslo Fjord.
Dieser wirre Kopf ist verantwortlich für die 7. und letzte Umplanung. Klaus hat die Heimfahrt mit dem Zug einen Tag zu früh gebucht🤪.

17. April 2026
Sightseeing Hamburg

Einen Tag in Kiel zu verbringen ist uns zu langweilig. Außerdem schleppen wir Rucksäcke und Ski mit uns rum. Wir fahren am Morgen schon nach Hamburg. Dort können wir in Bahnhofsnähe in einem Hotel unser Gepäck deponieren. Die Sonne scheint und es ist frühlingshaft warm. Ein Tag mit Sightseeing Hamburg entschädigt uns für die lange Wartezeit auf den Nachtzug. Die erste Klasse ist ausgebucht. Doch Plätze können wir noch reservieren. Wir zahlen nur 56 Euro für zwei Personen. Später merken wir, dass die Fahrt auch nicht mehr wert ist. Wir fahren vom Hauptbahnhof nach Altona. Sitzen noch zwei Stunden auf dem zugigen Bahnsteig. Dann fährt der Zug ein.

Es ist ein uralter österreichischer Fernzug mit nur drei Wagen. Der Schlafwagen entfällt. Blöd für alle, die ein Schlafabteil gebucht hatten. Unsere reservierten Plätze sind an einem Vierertisch. Schlafen könnten wir so nicht. Wir suchen uns andere Plätze und stecken die antiquierten Reservierungszettel über den Sitzen einfach um. Tatsächlich ein Vorteil eines alten Zuges ohne digitale Anzeigen. Glücklicherweise haben wir den Ausgangsbahnhof für unseren Start gewählt. Ab dem Hamburger Hauptbahnhof sind alle Plätze belegt. Es gibt noch drei weitere Stopps in Hamburg. Der Zug ist total überfüllt. Im Gang stehen die Menschen, sitzen auf ihren Koffern, auf dem Boden… Nicht nur für eine Station, sondern stundenlang, die ganze Nacht. Der Zug ist total überbucht. Von Hamburg bis Zürich. Eine Frechheit. Wir können einigermaßen schlafen, wir haben ja glücklicherweise Sitzplätze. In Mannheim steigen wir um in den Regionalzug. Er ist leer bis auf ein paar Jungs, die die Nacht durchgefeiert haben. Um sieben Uhr sind wir in St. Ingbert. Mit dem Bus fahren wir heim. Müde. Nach 69 Stunden sind wir zuhause, von der Hardangervidda bis ins Saarland. Ein Verzicht aufs Flugzeug ist anstrengend. Aber auch interessant. Wir beenden damit eine spannende schöne Skitour mit einigen Hindernissen.

Nach der Neubuchung unserer Zugfahrt bleibt ein Tag für Hamburg.
Wir denken ihn vor seinem Hotel entdeckt zu haben…
… war aber wohl nur das Double von Udo Lindenberg.
Dafür aber mit seinen Original- Zeichnungen im Hotel Atlantic!
Rathaus
Elbphilharmonie
Über die längste Rolltreppe Europas geht’s nach oben.
In der Elbphilharmonie
Die Speicherstadt
Wir beenden in Hamburg eine tolle und spannende Tour mit einigen Hindernissen.

Eine Antwort zu „Hardangervidda 2026“

  1. Avatar von passionate74f297c41f
    passionate74f297c41f

    GENIAL geschrieben und mit

    TOLLEN Fotos veranschaulicht – DANKE fürs „Mitnehmen“ auf die Norwegentour.

    Das Fjell kenne ich nur aus einem Sommer (der 1990er-Jahre) – die weiße Winter-Variante hat aber auch ihren Reiz!

    … und du hast mich in dem Comic super getroffen beim Aquajogging, lieber Klaus! 😉🤗

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