7. Juli 2026
In Otta kaufen wir neue Wanderschuhe. Schweizer Schuhe. Im Laden passen sie perfekt. Dann hoffentlich auch im Dovrefjell. Dort wollen wir drei Tage wandern und im Zelt schlafen. Wir fahren bis Hjerkinn auf den Campingplatz. Für eine Eingehtour ist noch Zeit. Wir laufen bergauf zum Snøhetta Viewpoint. Das ist so ein Ort, an den wir immer schon mal wollten. Ein einzigartiger Aussichtspunkt auf das Dovrefjell mit dem höchsten Berg Norwegens außerhalb von Jotunheimen, auf den Snøhetta.
Die Architektur der Schutzhütte ist spektakulär. Die wohl bekannteste Architektengruppe mit gleichen Namen Snøhetta hat sie als geschwungene Vollholzkonstuktion mit einer Glaswand in Richtung Fjell gestaltet. Das Panorama ist atemberaubend schön. Geschützt vor dem heftigen Wind genießen wir die Aussicht. Und haben das Ziel unserer geplanten Dreitageswanderung vor Augen: den Gipfel des alles überragenden Snøhetta. Für heute haben wir erstmal genug Snøhetta. Noch nicht ganz. Wir laufen zurück zum Campingplatz. Wie soll er anders heißen: Snøhetta Camping. Im Bulli kochen wir und packen die Rucksäcke. Unsere Schuhe haben ihre Probewanderung bestanden.
Auf dem Kongsvegen und dem Moskusstien
8. Juli 2026
Der Wind weht uns fast um. Und wir laufen genau gegen ihn. Auf der nordwestlichen Seite der E6 führt in großem Abstand zur Straße und über einige Höhen ein Pilgerweg, er ist Teil des Kongsvegen von Oslo nach Trondheim. Ein gut markierter Weg, bequem zu gehen. Fünf Kilometer vor Kongsvoll bekommt er einen dritten Namen. Er heißt jetzt Moskusstien, Moschusochsenweg. Von hier aus hat man laut Touristeninformation gute Chancen, die zotteligen Urzeit-Riesen zu sehen. Es gibt sie in freier Natur nur in Nordamerika und in Europa nur hier im Dovrefjell. Wir wandern durch Birkenwald und Bergtundra und bekommen keine zu Gesicht.
In Kongsvoll stärken wir uns in der Fjellstue mit Kaffee und Kuchen. Übernachten wollen wir hier nicht. Wir haben unsere Zeltausrüstung im Rucksack. Einschließlich Kocher. Doch heute bleibt die Zeltküche kalt. Klaus hat die Gaskartusche vergessen. Zum Zelten steigen wir noch mehrere Hundert Höhenmeter auf. Über einen steilen Pfad im Birkenwald. Hier sollen sich um diese Jahreszeit die meisten Moschusochsen aufhalten. Wir sind froh, dass uns keiner entgegen kommt. Wenn sie in die Enge getrieben werden, ist mit den 400 kg schweren Kolossen nicht zu spaßen. Oben auf dem Fjell stellen wir unser Zelt ins weiche Moos. Die Aussicht ist grandios. Auch ohne Ochsen. Und statt Tütenfertiggericht gibt es Käsebrote. Wir sind ganz allein hier oben und schlafen wunderbar.
Nach Reinheim
9. Juli 2026
Nach Reinheim fahren wir zuhause oft mit dem Rad. Doch dieses Reinheim ist unser heutiges Ziel im Dovrefjell. Wir wandern durch ein langes Tal mit einem wunderschönen Pfad. Wir durchqueren Bäche, laufen an Seen mit Singschwänen entlang. Nur eine Handvoll Wanderer sind unterwegs. Sabine schaut zur anderen Talseite. Ein schwarzer Fleck, der wie ein Stein aussieht, sieht auf den zweiten Blick anders aus. Der Stein hat sich bewegt. Es ist ein riesiger Moschusochse. Weit entfernt. Keine Gefahr für uns. Mit dem Teleobjektiv zoomen wir ihn ran. Wir sind happy. Jetzt haben wir doch noch einen gesehen. Er stapft durch das Gelände und grast. Wir sind für ihn auch in sicherer Entfernung.
Kaum sind wir ein paar Hundert Meter weiter, sehen wir den zweiten. Er liegt nah neben dem Weg und schläft. Ein schlafender Riese. Vorsichtig und mit Respekt marschieren wir vorbei. Obwohl eine Nationalpark-Rangerin uns wenig Hoffnung gemacht hat, hier oben die Urzeitriesen zu sehen, treffen wir noch auf zwei weitere auf der anderen Talseite. Faszinierende Tiere, die einen besonderen Lebensraum brauchen. Überlebenskünstler besonders im strengen Winter, in dem sie 40% ihres Körpergewichts verlieren. Das sind ca. 150 kg.
Damit wir kein Gewicht verlieren, zelten wir neben der DNT Hütte Reinheim. Wir können kochen und unsere Fertiggerichte warm machen. Die Hütte hat sich in 13 Jahren nicht verändert. Außer dass wir damals bei Schnee und Eiseskälte da waren. Heute ist es warm und wir essen im Freien mit netten Schweizern zu Abend.
Gipfeltour auf den Snøhetta
10. Juli 2026
Heute wird es anstrengend. Um fünf Uhr klingelt der Wecker. Hell ist es die ganze Nacht. Wir wollen möglichst früh los . Am Abend soll es gewittern. 1.000 Höhenmeter geht es bergauf. Mit den relativ schweren Rucksäcken. Zuerst über ein Schneefeld, dann über eine Hochebene mit Moos und Steinen. Bis hierher sind wir vor 13 Jahren mit unseren Ski gelaufen. Dann wurde es zu steil und viele Steine ragten aus dem Schnee. Ohne Ski sind wir bis zum Gipfel. Heute gibt es nur vereinzelte Schneefelder und viele viele Steine. Wir balancieren von Stein zu Stein. Es gibt nur noch Blockwerk. Immer steiler und immer größere Steine. Es ist anstrengend. Jeder Schritt muss genau gesetzt werden und meistens stemmen wir unser Gewicht mit Rucksäcken einen halben Meter hoch. Der Wind ist weg und es wird immer wärmer. Wir schwitzen und sind durstig. Wasser gibt es auch keins mehr.
Nach vier Stunden sind wir auf dem Gipfel. Die Aussicht entschädigt für die Strapazen. Es ist fast wolkenlos. Wir schauen über weite Teile Norwegens. Bis Rondane, Jotunheimen, Trollheimen… Im Osten bis nach Sylarna in Schweden. Im Westen können wir die Fjordküste erahnen. Wir gehören zu den Ersten auf dem Gipfel. Beim Abstieg kommen uns ganze Scharen von Bergsteigern entgegen. Einige mit freiem Oberkörper oder Bikini. Das ist typisch norwegisch. Kaum ist es warm, reißen sie sich die T-Shirts vom Leib.
Der Abstieg ist genauso anstrengend wie der Aufstieg. Die Gesteinsplatten liegen kreuz und quer. Jeder Tritt muss genau gesetzt werden. Und das Gewicht auf den Knien mit den Trekkingstöcken abgefedert werden. Irgendwann brennen die Oberschenkel und die Knie schmerzen. Wir brauchen ewig bis wir unten sind. Im Winter war das einfacher. Da lag Schnee zwischen den Steinen. Und wir waren nicht so extrem durstig wie heute. Am Abfluss des Gletschers können wir endlich unsere Wasserflaschen füllen. Bis Snøheim zieht sich der Weg noch in die Länge. Über 9 Stunden sind wir schon unterwegs. Wir reservieren uns online Plätze im Shuttlebus. In der bewirtschafteten Hütte belohnen wir uns mit Kaffee und Schokokuchen. Der Bus bringt uns zurück zum Campingplatz. Es war eine tolle Tour mit einem grandiosen Highlight auf einem der schönsten Gipfel Norwegens.


































