23. Juli 2026
Von Linge nach Eidsdal gibt es nur eine Fähre über den Fjord. Die Fahrt bis dahin ist lang. Wir hoffen, dass wir gleich auf Deck kommen. Den Motor wollen wir auf jeden Fall anlassen. Doch nach Geiranger wollen die meisten Touristen auf ihrer Fahrt durch Norwegen. Es liegt am spektakulären Geirangerfjord. Dass dort viel los, ist erwarten wir. Dass jedoch an der Fähre schon Hochbetrieb herrscht, hätten wir nicht gedacht. Es ist Fähren-Stau. Wir werden in eine Spur eingewiesen, aus der wir nicht mehr herauskommen. Wenn der VW-Bus nicht anspringt, blockieren wir den ganzen Fährbetrieb. 45 Minuten warten wir mit laufendem Motor, dann noch 15 Minuten auf dem Schiff. Eine Tortour für unseren armen Bulli. Und für uns. Der Motor läuft heiß. Eine Kontrolleuchte geht an.
Und dann geht es auch noch steil bergauf auf ein Fjell und über den Geiranger Trollstigen in engen Serpentinen bergab. Am einzigen Viewpoint, dem Ørnesvingen, der Adlerkurve, herrscht Chaos. PKWs parken mitten auf der Straße. Menschen laufen im Weg rum. Jeder will hier aussteigen. Wir nicht. Wir können ja auch nicht anhalten(!). In Geiranger steht ein Kreuzfahrtschiff. Der Fjord ist UNESCO-Weltnaturerbe. Jedes Jahre ankern hier über hundert Ozeanriesen. Im Ort herrscht Massentourismus mit Souvenir- und Kitschgeschäften. Nichts für uns.
Der Campingplatz am Fjord ist überfüllt. Doch zwei Kilometer weiter oben gibt es noch einen Platz an einem Wasserfall. Bulli hat Feierabend. Und wir wandern über einen schmalen Pfad am steilen Hang entlang immer höher zu dem Løsta-Aussichtspunkt. Unterwegs treffen wir nur eine Handvoll Wanderer. Und auf dem Felsen am Endpunkt des Weges haben wir eine großartige Aussicht über den Fjord. Viel schöner als von der Adlerkurve.
Sarah ist währenddessen in Polen. Ausgeruht und gestärkt von zwei Buffets auf der Fähre fährt sie weiter. Camille im Nacken.
Sightseeing im Geirangerfjord
24. Juli 2026
Die lange Fährfahrt durch den gesamten Geirangerfjord bis Hellesylt konnten wir vorbuchen. Und es sind nur zwei Kilometer bis zum Kai. Also kein Problem. Entspannt genießen wir auf der 1,5 stündigen Fahrt die Landschaft des populären Fjords. Mit dicken Jacken stehen wir auf Deck. Wir fahren vorbei an den Wasserfällen, den Sieben Schwestern, an 1.700m hohen Bergen und Steilwänden mit Gehöften in schwindelnder Höhe. Wie kommt man dahin? Der Fjord mit seinen Bergen ist gewaltig. Unser Bulli steht ganz vorne in zweiter Reihe. Er hat Pause.
Kurz vor dem Zielhafen fängt es zu regnen an. Egal. Im Regen fahren wir über das Strynefjell bis Stryn. Dort wollen wir zwei Tage mit schlechtem Wetter abwarten. Am Nachmittag lässt der Regen nach und wir schwingen uns auf die Räder. Bisher hatten wir noch keinen Tag ohne körperliche Aktivität. Das klappt auch heute. Mit Aussicht.
Sarah hält ihren Vorsprung. Hochmotiviert.
Gletscherblick
25. Juli 2026
Hier in Norwegen muss man einfach machen. Nicht auf den Wetterbericht schauen. Es gibt schließlich auch Regenkleidung. Die ziehen wir an und fahren los. Mit den Rädern am Fjord entlang bis Loen. Von dort führt eine kleine Straße immer am Loelva, einem reißenden Fluss, entlang bis zu einem der schönsten Binnenseen Norwegens. Der schmale, lange Lovatnet ist türkisgrün und liegt zwischen steilen Bergmassiven. Am Talende taucht dann der weißblaue Kjenndal-Gletscher auf. Er gehört zu der riesigen Eismasse des Jostedalsbreen, dem größten Gletscher auf dem europäischen Festland. Es ist eine tolle Radtour. Und wir können überall anhalten und Fotos machen. Wir bleiben fast trocken. Wir sind froh, losgefahren zu sein. Erst beim Einkaufen gießt es wie aus Eimern.
Sarah fährt 400 km am Tag und fühlt sich von ihren Verfolgerinnen gehetzt.
Nah am Gletscher
26. Juli 2028
Wir nähern uns immer mehr dem Jostedalsbreen. Vom Innikfjorden, einem Seitenarm des Nordfjord, geht es in Serpentinen steil hoch. Leider schüttet es wie aus Eimern. Immer wieder blitzen Gletscherzungen aus den Wolken hervor. Nur in den langen Tunnels durch den Jostedalsgletscher ist es trocken. Bis in die 1980-er Jahre gab es diese Straßentunnels nicht. Das kleine Dorf Fjærland am Fjærlandsfjord war bis dahin nur übers Wasser zu erreichen. Heute fahren wir mit dem VW-Bus dorthin. Für zwei regenreiche Tage. Zumindest nach Vorhersage. Trotzdem erwischen wir auch heute ein trockenes Wetter-Fenster. Die ortsnahen Gletscherzungen sind auch mit dem Rad zu erreichen.
Der Supphellebreen bewegt sich immer weiter in Richtung Fjord. Er ist noch zweigeteilt. Eine riesige blau-weiße Eismasse hängt wie eine Wächte über dem Fels. Tosende Wasserfälle bringen Schmelzwasser ins Tal. Sie bringen den Gletscherrest am Fuß des Berges immer mehr zum Schmelzen. Ob es ihn im nächsten Jahr noch gibt? Er liegt auf ca. 60 m Meereshöhe. Und galt als der niedrigste Gletscher Norwegens. Heute ist es nur noch ein graues Eisfeld. Es stimmt uns traurig. Folgende Generationen werden diese Gletscherzungen nicht mehr sehen können.
Das 500-Seelen-Dorf Fjærland hat sich als Book Town einen Namen gemacht. In umgebauten Viehställen, Bootshäusern und Wohnhäusern gibt es eine Auswahl von mehreren hunderttausend Second Hand-Büchern. Es gibt viele kleine, liebevoll gestaltete Buchläden, Buchschränke, Antiquariate zum Tauschen, Stöbern und Kaufen von Büchern. Kombiniert mit Cafés und Galerien. Eine schöne Idee. Und eine Alternative zu den Souvenirläden in den Touristenhochburgen.
Sarah verläuft sich mit ihrem Rad in einer Shopping Mall, muss Eisenbahngleise queren, das Rad auf steilem Gravel schieben….Sie übernachtet auf einem Spielplatz. Und sie ist immer noch erste Frau.
Gletschermuseum
27. Juli 2026
Heute soll der regenreichste Tag der Woche sein. Wir planen dann eben mal keine sportliche Aktivität. Gleich neben dem Campingplatz in Fjærland befindet sich das Norsk Bremuseum, ein Gletscher-und Klimamuseum. In der animierten Klimaausstellung erleben die Besucher den Klimawandel von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Während zur Zeit in Südeuropa Hitze und Trockenheit herrscht und Waldbrände riesige Landstriche verwüsten, ist der Klimawandel in Norwegen vor allem mit dem Abschmelzen der Gletscher verbunden. Nicht so krass wie in den Alpen, aber trotzdem ersichtlich.
Ein Panoramafilm auf einer nahtlosen 180 Grad-Leinwand zeigt den Nationalpark Jostedalsbreen in seiner ganzen Schönheit. Wir haben das Gefühl, als würden wir über den Gletscher fliegen. Eine tolle Idee, statt Helikopterflüge wie in Neuseeland anzubieten. Und angepasst an den Klimawandel. Wir tauchen ein in die Welt der Glaziologie. Und verbringen einige Stunden im Museum. Irgendwann haben wir genug neues Wissen gesammelt und altes aufgefrischt. Es wird voll. Nicht nur wir nutzen den verregneten Tag zum Museumsbesuch.
Sarah stöhnt über langweilige Landschaften in Ungarn. Und hat Probleme mit der Hitze in Serbien und eine heftige Sonnenallergie. Es ist ein schlimmer Tag für sie. Trotzdem kämpft sie sich durch und hält ihre Position.






















Kommentar verfassen